Kind, König, Kunst: Wie Frank Nitsche Emotionen auf die Leinwand holt

Kind, König, Kunst: Wie Frank Nitsche Emotionen auf die Leinwand holt

Seine Kunst spricht leise – aber dennoch eindringlich. Und sie lässt sich wohl nur im Zusammenhang mit Biografie, Haltung und Praxis richtig verstehen. Klar ist: Frank Nitsche berührt mit seiner Arbeit ganze Generationen. Dabei sind seine Werke verspielt, farbig, licht durchzogen – und zugleich voller Ernst. Sie entstehen aus einem Leben zwischen System und Freiheit, zwischen Mathematik und Malerei, zwischen Pädagogik und künstlerischer Autonomie. Worin der Kern seiner Gemälde liegt – darüber haben wir uns mit ihm unterhalten.

Kunststudium mit 41

Kunst war schon immer in seinem Leben. Bereits als kleines Kind fiel Nitsche durch intensives Zeichnen auf. Ein Kunststudium war ihm allerdings im Korsett der DDR nicht möglich. Stattdessen absolvierte er ein Studium für Mathematik und Physik, legte zwei Staatsexamina ab und wurde Lehrer. Doch die Kunst blieb stets ein stiller Begleiter. Während seines Studiums lernte er den Künstler Paul Otto Knust kennen. Einen Menschen, den Nitsche heute als wichtigen Mentor und Vaterfigur bezeichnet. In dessen Atelier öffnet sich zum ersten Mal ein Raum, in dem Kunst nicht nur möglich, sondern existenziell war. „Das hat den Turbo eingeschaltet." Ich durfte ins Atelier – und plötzlich war alles da“, sagt Nitsche. Mit der Wende änderte sich nicht nur das System, sondern auch die Lebensausrichtung des einst angepassten Mathematikers. Er stieg aus dem Schuldienst aus und begann ein  Kunststudium in Halle und Leipzig. Neun Semester später schloss er erneut mit Staatsexamen ab – diesmal als Kunstlehrer.

Ein Kinderland mit Riss

Expressionistisch anmutende Farbflächen kombiniert mit kindlichen Figuren. Thematisch kreisen Nitsches Bilder um ein Motiv, das tief in seiner Biografie verankert ist: das verlorene Paradies der Kindheit. Der frühe Umzug aus einem Haus mit Garten in ein anonymes Neubaugebiet wurde für ihn zur Urszene eines Verlustes – und zugleich zur Quelle seiner Bildwelt. Seine Malerei erschafft kleine, farbige Welten, oft bevölkert von Kindern, dargestellt als König, Narr, Matrose. Es sind Bühnenbilder des Lebens, voller Licht, Bewegung und Leichtigkeit. Doch immer auch mit Brüchen, Schatten, Ernsthaftigkeit. „Es ist ein Kinderland – aber immer mit einer Störung drin.” Gerade diese Ambivalenz macht die Arbeiten zugänglich. Sie verweigern sich dem reinen Eskapismus ebenso wie der düsteren Weltsicht. Für Frank Nitsche ist Kunst kein Aufschrei, sondern ein Fest - für Augen und Seele- 

Frank Nitsche malt nicht impulsiv zwischen Terminen, sondern konsequent eingebettet in einen klar strukturierten Alltag. Sein Atelier befindet sich im Dachgeschoss seines Hauses – ein großer, abgeschlossener Raum, den er bewusst als Rückzugsort definiert. Gemalt wird tagsüber niemals nachts. Und vor der Kreativität kommt Ordnung. Farben, Pinsel, Leinwände. Sie müssen geordnet bereitliegen. Unerledigtes muss erledigt sein. Das Malen selbst bezeichnet er als stilles, konzentriertes Versinken. Hinein in eine Wunderwelt der Kinder.So entsteht ein Werk, das zutiefst persönlich ist und zugleich offen bleibt. Frank Nitsche malt keine Antworten. Er baut Räume – und lädt ein, sie zu betreten.

Kunstwerk "Ankunft im Hafen"

Zuversicht als künstlerisches Prinzip

Was Nitsche beim Publikum auslösen möchte, ist klar formuliert: Mut. Freude. Lust am eigenen kreativen Tun. Seine Ausstellungen sind keine Schwellenräume, sondern Begegnungsorte. Menschen, die sonst wenig Berührung mit zeitgenössischer Kunst haben, finden Zugang – oft überraschend schnell. Hier zeigt sich eine tief verwurzelte pädagogische Überzeugung. Die Kunst als Möglichkeit, ganz bei sich zu bleiben. Sich nicht zu verbiegen und nicht alles kontrollieren zu wollen. Seine Werke wollen berühren, nicht beeindrucken. Auch wenn sie oftmals für beides sorgen. Nicht selten verlassen Sammlerinnen und Sammler sein Atelier gleich mit mehreren Werken.

Kunstwerk "Narren im Zirkus"

Kunst als pädagogisch Brücke

Nitsche ist nicht nur Künstler, sondern auch Kunstvermittler aus Überzeugung. Bereits 1990 gründete er eine Jugendkunstschule, später die Kreativwerkstatt Aschersleben als ein großes interdisziplinäres Zentrum für künstlerisches Arbeiten. Dort entstanden Ateliers für Malerei, Keramik, Textilkunst und Tanz. Diese pädagogische Arbeit ist kein Nebenprodukt seines künstlerischen Schaffens, sondern ein zentraler Bestandteil seiner Haltung. Kunst, so Nitsche, sei kein exklusiver Raum für Eingeweihte. „Im Grunde kann jeder malen. Es darf nur nicht verkopft werden.“, sagt er. Die Nähe zur Arbeit mit Kindern und Jugendlichen prägt auch seine eigene Malerei. Immer wieder spricht er davon, wie sehr ihn die Unmittelbarkeit junger Menschen inspiriert. Das Spielerische, das Mutige, das Unperfekte – all das findet seinen Weg auf die Leinwand.

Künstler Frank Nitsche in seinem Atelier
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Weitere Informationen und aktuell verfügbare Werke unter:
www.franknitsche.de/