Interview mit der Künstlerin Uschi Wöppel

Interview mit der Künstlerin Uschi Wöppel

In ihren abstrakten Arbeiten erforscht die Künstlerin die Spannungsfelder zwischen Selbstbestimmung, Veränderung und Ungewissheit. Mit spontanen Linien, vielschichtigen Überlagerungen und einem offenen Prozess macht sie sichtbar, dass persönliches Wachstum oft genau dort entsteht, wo Klarheit fehlt. Ihre Kunst lädt dazu ein, Widersprüche auszuhalten und die Schönheit des Unfertigen neu zu entdecken.

Warum haben Sie sich für eine künstlerische Laufbahn entschieden?

Ich habe die künstlerische Laufbahn nicht als klare Entscheidung getroffen, sondern eher als Konsequenz. Mich hat früh interessiert, wie sich innere Prozesse sichtbar machen lassen - Dinge, die sich nicht eindeutig sagen oder erklären lassen. Kunst war für mich der einzige Raum, in dem Widersprüche, Unsicherheiten und Unvollkommenheit nicht reduziert, sondern ausgehalten werden können. Genau darin liegt für mich ihre Relevanz: nicht Antworten zu geben, sondern Komplexität sichtbar zu machen.

Was inspiriert Sie jeden Tag zu Ihrer Arbeit?

Mich inspiriert die permanente Bewegung im Alltag - nichts bleibt wirklich stabil. Begegnungen, Unsicherheiten, kleine Verschiebungen im Denken: All das sind Impulse, die sich in meiner Arbeit verdichten. Ich beobachte weniger das Offensichtliche, sondern das, was darunter liegt - Spannungen, Brüche, Übergänge. Diese Unvorhersehbarkeit ist für mich der eigentliche Antrieb. Sie hält den Prozess lebendig.  

Welche Themen behandeln Sie in Ihrer Kunst und warum ist Ihnen das so wichtig?

Im Zentrum meiner Arbeit steht persönliches Wachstum - allerdings nicht als lineare Entwicklung, sondern als Prozess zwischen Selbstbestimmung und Unvollkommenheit. Mich interessieren die Zustände des Dazwischen: Momente, in denen etwas noch nicht klar ist, in denen Entscheidungen kippen, sich neu formen oder auch scheitern. Diese Spannungen übersetze ich in Linien, Schichten und Brüche. Wichtig ist mir das, weil wir in einer Zeit leben, die stark auf Kontrolle, Optimierung und Eindeutigkeit ausgerichtet ist. Meine Arbeit setzt dem etwas entgegen: sie macht sichtbar, dass Entwicklung oft genau dort entsteht, wo Dinge unklar, widersprüchlich oder unvollständig sind.

Impuls 120 x 150 cm

Welcher Aspekt des kreativen Prozesses gefällt Ihnen am besten?

Am meisten interessiert mich der Moment, in dem die Kontrolle kippt. Der Anfang ist oft noch bewusst gesetzt, aber irgendwann beginnt die Arbeit, sich zu verselbstständigen. Linien entwickeln eine eigene Richtung, Schichten überlagern sich, Dinge passieren, die nicht geplant waren. Genau dort wird es für mich spannend. Dieser Punkt zwischen Absicht und Loslassen ist der ehrlichste Teil des Prozesses - weil er zeigt, dass nicht alles steuerbar ist, und gerade darin etwas Eigenes entsteht.

Wie würden Sie Ihre Technik beschreiben?

Meine Arbeitsweise bewegt sich zwischen Kontrolle und Intuition. Ich setze gezielte Strukturen, lasse sie aber im Prozess bewusst wieder aufbrechen. Ich arbeite viel mit Überlagerungen - Schichten, die stehen bleiben, sich verschieben oder übermalt werden. Die Linie ist dabei ein zentrales Element: Sie entsteht oft spontan, reagiert auf das Vorhandene und bleibt bewusst unperfekt. Technik ist für mich kein festes System, sondern ein offener Prozess, der sich während der Arbeit entwickelt und verändert.

Beginnen Sie Ihre Arbeit mit einem vorgefassten Konzept oder einer Vorstellung davon, was Sie erreichen möchten, oder ist das Ergebnis unerwartet?

Ich beginne meist mit einer groben Vorstellung oder einem Impuls - eher eine Richtung als ein festes Konzept. Im Prozess verändert sich diese Ausgangsidee oft. Die Arbeit entwickelt eine eigene Dynamik, auf die ich reagiere, statt sie konsequent durchzusetzen. Entscheidungen entstehen im Tun, nicht im Voraus. Das Ergebnis ist daher nie vollständig planbar. Mich interessiert genau dieser Zwischenraum: etwas anzustoßen - und dann zuzulassen, dass es sich in eine unerwartete Richtung weiterentwickelt.

Tiefe 100 x 140 cm

Wie wissen oder entscheiden Sie, wann ein Kunstwerk fertig ist?


Ich merke, dass ein Werk fertig ist, wenn ich anfange, es zu “verbessern” statt weiterzuentwickeln. Sobald jeder zusätzliche Eingriff die Spannung eher glättet als vertieft, ist der Punkt erreicht. Dann geht es nicht mehr um mehr, sondern um das Stehenlassen. Fertig bedeutet für mich nicht abgeschlossen, sondern stimmig im Unfertigen.

Welche anderen kreativen Menschen, Bücher, Musik oder Filme inspirieren Sie?


Mich inspirieren vor allem kreative Positionen, die Prozess, Tiefe und Ambivalenz zulassen. Besonders inspirieren mich Arbeiten, in denen Materialität, Offenheit und Widerspruch sichtbar bleiben - unabhängig vom Medium.

Haben Sie bestimmte Rituale oder unverzichtbare Gegenstände im Atelier?


Musik ist ein fester Bestandteil meines Arbeitsprozesses. Sie schafft einen Raum, in dem ich mich vom Denken löse und mehr ins Reagieren komme. Oft überträgt sich ihre Dynamik direkt in die Arbeit - in Linien, Bewegungen und Verdichtungen. Musik ist kein Hintergrund, sondern Teil des Prozesses: eine Art Verbindung zwischen innerer Bewegung und dem, was im Bild entsteht. 


Arbeiten Sie mit Beispielen aus dem wirklichen Leben oder basieren Ihre Werke hauptsächlich auf Fantasie?


Meine Arbeiten entstehen aus dem, was ich erleben und wahrnehme - weniger aus konkreten Bildern als aus Stimmungen, Spannungen und inneren Prozessen. Ich arbeite nicht gegenständlich, sondern übersetze diese Erfahrungen in eine abstrakte Form. Dabei geht es mir nicht um Wiedererkennung, sondern um das Sichtbarmachen von etwas, das sich schwer benennen lässt. Fantasie ist dabei kein Ausgangspunkt, sondern ein Raum, in dem sich das Wahrgenommene weiterentwickelt und verändert.

Spannung 120 x 150 cm

Wie kommen Sie auf die Titel Ihrer Kunstwerke?


Die Titel entstehen eher intuitiv und oft erst, wenn die Arbeit bereits steht. Ich suche keine Beschreibung, sondern einen Begriff, der die Stimmung oder Spannung des Bildes aufgreift. Meist sind es reduzierte Worte - Zustände oder Bewegungen, die etwas andeuten, ohne es festzuschreiben. Der Titel bleibt bewusst offen und ergänzt die Arbeit, statt sie zu erklären.

Würden Sie uns mehr über Ihr derzeitiges Projekt erzählen - woran arbeiten Sie?


Aktuell entwickle ich ein Projekt mit Weingütern, bei dem ich Weinetiketten gestalte. Mich reizt daran die Verbindung von Kunst und einem Produkt, das selbst stark von Zeit, Prozess und äußeren Einflüssen geprägt ist. Ich übertrage meine Bildsprache auf die Etiketten und verstehe sie nicht nur als Gestaltung, sondern als Erweiterung der Erzählung des Weins. Themen wie Reifung, Veränderung und Unvorhersehbarkeit werden so visuell greifbar. Für mich ist das auch ein spannender Perspektivwechsel: Die Arbeiten verlassen den klassischen Kunstraum und werden Teil eines Alltagsmoments - ohne ihre inhaltliche Tiefe zu verlieren.

Wo möchten Sie gerne einmal ausstellen und warum?


Ich habe keinen festen “Traumort”, sondern suche Kontexte, die inhaltlich zu meiner Arbeit passen. Mich reizen besondere Orte, an denen Kunst auf Alltag trifft - etwa in Weingütern, Hotels oder halböffentlichen Räumen. Dort entsteht eine andere Form der Wahrnehmung, weil die Begegnung nicht geplant ist. Gleichzeitig interessieren mich Ausstellungsräume, die Prozesshaftigkeit zulassen - Orte, an denen Unfertiges stehen bleiben darf und nicht alles auf ein klares Ergebnis reduziert wird.

Wo sehen Sie Ihre Künstlerkarriere in 5 Jahren?

In fünf Jahren sehe ich meine Arbeit in einem erweiterten Kontext - nicht nur im klassischen Ausstellungsraum, sondern in unterschiedlichen Formaten und Kooperationen. Ich möchte meine künstlerische Sprache weiter vertiefen und gleichzeitig stärker in reale Zusammenhänge bringen, etwa durch Projekte mit Weingütern, Hotels oder anderen Partnern, bei denen Kunst Teil eines erlebbaren Kontextes wird. Wichtig ist mir dabei, unabhängig zu bleiben und meine Haltung weiterzuentwickeln: Arbeiten zu schaffen, die offen bleiben, Prozesse sichtbar machen und nicht auf ein fertiges Ergebnis reduziert sind.

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Weitere Informationen unter:
www.uschiwoeppel.de